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Maibaumaufstellen in Ruhpolding
© © Ruhpolding Tourismus / Andreas Plenk

Er ist sichtbares Zeichen, dass der Frühling Einzug hält: der Maibaum. In Ruhpolding ist sein Aufstellen Tradition. Etwas ganz Ungewöhnliches ist der aktuelle Baum, der hat nämlich zwei geschmückte Spitzen. „Zwiesel“ sagt man dazu.

Kraftakt

Unter Aufgebot ihrer ganzen Kraft heben die Burschen vom Ruhpoldinger Trachtenverein „D’Miesenbacher“ den schweren Baumstamm an. Vorsichtig bugsieren sie ihn in die eiserne Verankerung, den Schuh. Dabei geht es um Zentimeter. Erst wenn alle Schrauben fest zugezogen sind, kann mit dem Aufrichten des Maibaumes begonnen werden. Meter für Meter. Von der Waagrechten in die Senkrechte. Mithilfe sogenannter Schwalben drücken die Männer den Baum hoch. Er wiegt rund eineinhalb Tonnen. Erst schwankt er dabei zu weit nach links, dann nach rechts. Zur Sicherheit steht ein Kran in unmittelbarer Nähe. Hau-Ruck! Die Zuschauer applaudieren, feuern an. Die Blasmusik spielt. Forstwirtschaftsmeister Wolfgang Thum hat die Aufsicht. Er war auch dabei, als der Baum im letzten Herbst geschlagen wurde.

Eine ganz besondere Lärche

November, knapp ein halbes Jahr zuvor. Acht Männer stapfen durch den herbstlichen Bergwald im Ortsteil Neustadl. Vorneweg Wolfgang Thum mit Anton Geierstanger, ehemaliger Ausbilder der Ruhpoldinger Forstknechte. Ihre Mission: einen ganz besonderen Baum fällen. Es ist abnehmender Mond und der ideale Zeitpunkt dafür. Seit einem halben Jahrhundert schon sucht der 85-jährige Anton Geierstanger die Ruhpoldinger Maibäume aus. Diesen hat er seit langem im Visier. Es ist eine Lärche, 25 Meter hoch, fast 100 Jahre alt. Nicht zu stark, aber auch nicht zu dünn. Gleichmäßig gewachsen und kerzengerade. So etwas ist eine Seltenheit. Lärchen sind meist krumm und schief, weil sie mit ihrem Wuchs ausweichen, wenn ihnen ein anderer Baum das Licht nimmt. Ungewöhnlich ist auch, dass sich der Stamm des Baumes im oberen Bereich verdoppelt, obenauf thronen zwei Wipfel. Es ist ein sogenannter „Zwiesel“.

Schwieriges Verfahren

Beim Fällen der Lärche sind Können und Erfahrung gefragt. Denn auch wenn Lärchenholz äußerst witterungsbeständig ist, es ist ebenso spröde und kann schnell brechen. Die Männer schlagen den Baum deshalb so, dass er zunächst von umherstehendem Gehölz gestützt und langsam zu Boden gezogen werden kann. Und dann dieser Schreckmoment: Der Stamm dreht sich leicht und knallt aus etwa fünf, sechs Meter Höhe ungebremst auf den Boden. Anton Geierstanger mag wohl fast das Herz stehengeblieben sein! Bei genauer Betrachtung zeigt sich schnell: Der Lärchenstamm hat einen Riss abbekommen. Das macht ihn instabil. Und ein instabiler Baum eignet sich nicht als Maibaum, der einigen Jahren Wind und Wetter trotzen soll. Dass ein extra hinzugezogener Gutachter trotzdem grünes Licht gibt, lässt alle Beteiligten aufatmen. Die Männer schaffen den „Zwiesel“ wohlbehalten aus dem Wald an einen sicheren Platz in Ortsteil Bärngschwendt, entrinden ihn – scheppen sagt man dazu – und lagern ihn den Winter über dort. Im März ist der Riss den Vorgaben des Gutachters entsprechend mit vier langen Schrauben und einer vom Schlosser auf Maß angefertigten Schellen stabilisiert worden.

Wie die Lärche mit Doppelspitze ausgesucht, gefällt und anschließend aufgestellt wurde, ist hier im Video zusammengefasst.

Brauchtum & Tradition

Der Brauch des Maibaumaufstellens soll sich im 16. Jahrhundert entwickelt haben, der Baum steht für Gedeihen und Wachstum und Glück und Segen. Erst später kamen zu dem schmückenden Kranz und den Bändern auch kleine Tafeln und Figuren dazu. In Ruhpolding stellen diese beispielsweise den Salztransport dar, die Trachten, die Rauschbergbahn, das Bäcker- und Metzgerhandwerk, die Landwirtschaft und die Schützen. Die Schilder werden allerdings erst an den Maibaum gehangen, wenn er aufgestellt ist. Den ersten Maibaum gab es in Ruhpolding 1911. Damals war es eine Fichte, die neben dem Dorfbrunnen 33 Meter in die Höhe ragte. Auch wenn bei den Bauern Nachwuchs geboren oder wenn geheiratet wurde, war es früher Brauch, einen Baum zu errichten, weiß Anton Geierstanger zu erzählen.

Brauch ist auch das Maibaumstehlen und entsprechend bang die Monate zwischen Fällen, Lagern und Aufstellen. Wenn es darum geht, dem Nachbardorf den Maibaum abzuluchsen, werden die jungen Männer der anderen Trachten- und Burschenvereine nämlich gewieft: Baum aufspüren, observieren, entwenden, das alles muss gut geplant sein. Diese Lärche, die gerade unter den wachsamen Augen von Forstwirtschaftsmeister Walter Thum immer höher kommt, hatte sich glatt der Burschenverein Unterwössen unter den Nagel gerissen. Zum Aufstellen brachten die Männer den Baum zurück, ließen sich dafür aber mit Brotzeit und Freibier auszahlen. „So soll es sein“, sagt Anton Geierstanger augenzwinkernd. Der Zwiesel ist sein ganzer Stolz, das sieht man ihm an. Es ist der insgesamt elfte Maibaum in der Geschichte der Gemeinde - und nach 1913 nun der zweite mit Doppelspitze.

Der erste Zwiesel 1913
© © Ruhpolding Tourismus

„D’Miesenbacher“- Burschen haben es fast geschafft. Weil die Schwalben nach jedem Schub herausgenommen oder versetzt werden müssen, zieht sich ein Maibaumaufstellen schon mal einige Stunden in die Länge. Aber je steiler der Baum schließlich aufragt, desto leichter wird es für die Männer. Hau-Ruck! Der letzte Schub. Und dann steht er, der „Zwiesel“. „Mir gfoit er“, sagt Anton Geierstanger und schaut zufrieden hinauf. „Der ist schon was Besonderes“, findet auch Walter Thum und ist stolz, vom Fällen bis zum Aufstellen dabei gewesen zu sein.

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© © Ruhpolding Tourismus/Andreas Plenk

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