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Nikolaus mit Kramperl
© Ruhpolding Tourismus/Andreas Plenk

So ist's der Brauch

Kathrin Thoma-Bregar
Datum: 06.12.2022
Von: Kathrin Thoma-Bregar

Wenn es Dezember wird und der Nikolaustag näher rückt, steigt nicht nur bei Ruhpoldings Kindern die Spannung. Auch mehr als drei Dutzend junge Männer sehnen die Zeit alljährlich herbei.

Überall liegen Felle herum, es riecht wie in einem Schafstall

Es riecht so streng wie in einem Schafstall. Überall liegen Felle herum, dazwischen Kleidungsstücke, Schnüre, breite Gürtel, furchterregende Masken und Glocken. Die Stimmung ist aufgeregt, freudig, ungeduldig. Es ist der fünfte Dezember, ein Mittwochmittag und über dem Rauschberg hängen dichte, schneeversprechende Wolken. Es wird der Auftakt eines strengen Winters sein. Die Burschen, die im Stadl beim Klein-Gstatter Bauern ein- und ausgehen, haben dafür keinen Blick. Sie fiebern den kommenden Stunden entgegen. Die Vorfreude ist spürbar. Wenn auch der Letzte von ihnen in Fellen eingepackt und mit Glocken und Maske versehen sein wird, wenn schwarzer Ruß im Gesicht, an den Armen und Händen verteilt ist, geht es endlich los. Dann dürfen sie wieder als Krampusse durch die Gemeinde ziehen und in den Raunächten als Perchten ihr Unwesen treiben.

Die Burschen sind alle zwischen 16 und 35 Jahre alt, unverheiratet und kinderlos und gehören zur Rauschberg Pass. Sie pflegen ein jahrhundertealtes Brauchtum, das es im ganzen Alpenraum gibt: Am fünften und sechsten Dezember ziehen der Nikolaus, Engel und furchteinflößende Gestalten - die Krampusse – durch den Ort und von Haus zu Haus. Sie beschenken die braven Kinder. Wer unartig war, bekommt ihre Ruten zu spüren. Die Berührung soll symbolisch das Schlechte und das Böse aus dem Menschen treiben. Jungen Liebespaaren bringt der Klapps Fruchtbarkeit und Glück. Die ganze Gruppe wird als Pass bezeichnet.

Die Glocken machen richtig viel Lärm

Ganz hinten in der Kammer des Stadls beim Klein-Gstatter Bauer, in der einst eine Rauchküche war und die dicken Steinmauer schwarz gefärbt hat, muss sich Fritz Fischer Junior ordentlich anstrengen. Mit ganzer Kraft ziehen er und Walter Schmidberger an den Schnüren, die die großen Glocken auf Patrick Springers Rücken fixieren. Die wiegen zwischen 30 bis 40 Kilogramm und machen richtig viel Lärm. „Es darf nicht zu fest sein, damit nichts einschnürt aber auch nicht zu locker, sonst würden die Glocken auf Rücken, Kreuz und Schulter aufschlagen“, erklärt Fritz das Prozedere. Er ist der Vorstand der Rauschberg Pass. Die hat sich auf seine Initiative hin 2008 gegründet und zählt insgesamt 35 Mitglieder. Davon mehr als die Hälfte aktive Läufer.

Rund zwei Stunden dauert es, bis alle ihre Kostüme anhaben. Nicht jeder trägt so große Glocken wie Patrick. Viele haben deutlich kleinere umgeschnallt, so sind sie beim Laufen schneller und wendiger. Umhänge haben alle an, meist ist es Schaf- oder Ziegenfell. Die jüngeren Mitglieder haben sich ihre aus vielen Fellflecken selbst zusammengeklebt, immerhin kostet ein Umhang vom Gerber gefertigt zwischen 400 und 800 Euro. Nicht billig sind auch die Holzmasken fürs Gesicht. Etwa 300 bis 500 Euro muss man dafür zahlen. Gut, dass die Pass mit Walter Schmidberger und Tobias Strobl eigene Holzschnitzer in der Gruppe hat.

„Unsere jüngsten Mitglieder dürfen anfangs noch nicht mit Holzmasken laufen, die Sicht ist damit eingeschränkt und es braucht Übung, bis man sich richtig bewegen kann. Sie haben stattdessen Fellmasken auf“, erklärt Fritz Fischer. Er selbst gibt heuer das letzte Mal den Nikolaus, begleitet von zwei Engeln. Im kommenden Jahr wird diesen wichtigen Posten ein anderer übernehmen. „Als Kind war ich fasziniert von der Gestalt des Nikolauses und seinem Gefolge. Und ich habe mich ganz schön gefürchtet“, erzählt er, während er dem nächsten Pass-Mitglied die Glocken schnürt.

»Es braucht viel Sensibilität und Gefühl, um die Kinder nicht völlig zu verängstigen«

Patrick Springer

Etwa 15 Familien wird die Rauschberg Pass heute besuchen und morgen noch mal so viele. Die Häuser sind in der ganzen Gemeinde verstreut. „Wir haben überall ungefähr eine halbe Stunde Zeit für jede Familie“, sagt Fritz Fischer. Dort sagen die Kinder in der Stube Gedichte auf oder singen ein Lied. Wenn der Nikolaus mit ihnen schimpfen muss, weil sie die Hausaufgaben nicht brav gemacht oder auf nicht auf die Eltern gehört haben, scheppern die Kramperl böse mit ihren Glocken. Sie knurren und drohen. „Es braucht viel Sensibilität und Gefühl, um die Kinder nicht völlig zu verängstigen. Wenn eins anfängt zu weinen, dann geht man ein paar Schritte zurück oder kniet sich hin“, macht Krampus Patrick vor.

Alle Pass-Mitglieder sind fertig angezogen. Bevor es richtig losgeht, holen sich die Burschen beim Pfarrer noch den Segen ab. Bis sie von ihrer Runde wieder zurückkehren werden und Masken, Fell und Glocken ablegen können, wird es auf Mitternacht zugehen. Sie werden völlig erschöpft sein und glücklich und euphorisch. Was das Tolle am Krampuslaufen ist? „Wenn man in die gespannten und erwartungsvollen Kinderaugen sieht, das ist einfach der Wahnsinn“, schwärmt Nikolaus Fritz und streicht sich über den langen weißen Bart. „Und der Zusammenhalt der ganzen Gruppe ist einfach was Schönes. Wir können es im Sommer kaum erwarten, dass es endlich wieder Dezember wird“, sagt Patrick.

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