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HEU, Heiliger, Halleluja

Datum: 20.01.2026
Von: Kathrin Thoma

Könnte Vicky schnurren, sie würde es tun. Aber sie ist kein Kätzchen, sondern eine gestandene 18-jährige Süddeutsche Kaltblutstute. Neben ihr genießt die zwölf Jahre jüngere Margareta, auch „Struppi“ genannt, ebenfalls die lauwarme Dusche. Nach dem Waschen flechten Franziska und Theresa Strähne für Strähne Schweif und Mähne der Tiere zu kunstvollen Meisterwerken – bereit für den großen Auftritt. Es ist eine Pferde-Wellnessbehandlung de luxe, denn morgen ist ein ganz besonderer Tag: Ruhpoldings alljährlicher Georgiritt, bei dem die ganze Familie Ringsgwandl vom Aschenauer Hof seit Jahren fest eingebunden ist. Alexander hat sogar die Ehre, mit Vicky und Margareta, die Kutsche samt Bürgermeister fahren zu dürfen. „Süddeutsche Kaltblüter sind für ihre Ruhe und ihr ausgeglichenes Wesen bekannt“, sagt er. „Sie lassen sich das hier sichtlich gefallen und ahnen doch, dass etwas Besonderes bevorsteht.“

Damit die Tiere nach dem aufwendigen Herrichten am morgigen Tag noch genauso gepflegt aussehen, bleiben sie über Nacht im Stall statt auf der Weide, mit frischem Heu auf dem Boden.

»Der Georgiritt geht auf ein Gelübde aus dem 16. Jahrhundert zurück. «

Alexander Ringsgwandl ist zweiter Vorsitzender des Georgivereins Ruhpolding, der den Ritt Jahr für Jahr mit vielen Ehrenamtlichen aus dem Ort auf die Beine stellt. Anders als in anderen Gemeinden findet er nicht im April zum Namenstag des heiligen Georg statt, sondern immer am ersten Sonntag im September. 1972 hatte man den Termin verlegt, wegen des oft nasskalten Wetters im Frühjahr. Einmal drehte ein Teil der auswärtigen Reiter sogar wegen Starkregens um. Und noch etwas spricht für den Spätsommertermin: Während im April ein Ritt den nächsten jagt, gehört dieser Sonntag ganz allein Ruhpolding.

Die Ruhpoldinger versprachen damals, alljährlich zu Ehren des heiligen Georg auszurücken, um Segen für Mensch, Tier und Arbeit zu erbitten. Über die Jahrhunderte ist daraus ein fester Bestandteil des Dorflebens geworden. Eine besondere Rolle spielen dabei die Paktisten, es sind die Mitglieder der alten Georgs-Bruderschaft, die einst durch Papst Benedikt XIV eingesetzt wurde. Ihre Existenz ist seit 1773 urkundlich belegt. Früher war die Mitgliedschaft an 30 Ruhpoldinger Hofanwesen gebunden und wurde innerhalb der Familien weitergegeben. Bis heute sind sie beim Georgiritt an ihren blauen Mänteln mit rotem Kragen zu erkennen. Der Georgiverein versteht sich als Nachfolger dieser Tradition.

Geschmücktes Pferd

Einmal im Jahr steht Ruhpolding ganz im Zeichen der Pferde: Beim Georgiritt ziehen geschmückte Wagen, stolze Rösser und an die 150 Reiter durchs Dorf. Dahinter steckt mehr als Tradition, es ist ein Gemeinschaftswerk, das Familien und Vereine seit Generationen verbindet

Während am Aschenauer Hof die Pferde auf Hochglanz gebracht werden, herrscht auch am Plenkhof von Hans Thullner reges Treiben. Zwei der insgesamt rund ein Dutzend Festwagen werden bei ihm festlich geschmückt: einer mit der Kirche St. Valentin, ein anderer mit der Figur des Heiligen Georg. Er gilt als Schutzpatron der Pferdeleute und ist als geschnitzte Figur hoch zu Ross dargestellt, gerüstet und mit Lanze im Kampf gegen den Drachen.

Zunächst werden die Wagen mit grünen Tüchern bespannt und mit Tannenzweigen, die Hans Thullner extra dafür aus seinem Wald geholt hat, verkleidet und ausgelegt. Die kleine nachgebaute Kirche bekommt außerdem zur Zierde eine weißgelbe Fahne auf den Turm. Andere Mitglieder des Georgivereins kümmern sich zur selben Zeit um die Wagen mit Abbildungen der Kirche Maria Schnee und der Pfarrkirche St. Georg.

Am Samstag kommt überall noch der bunte Blumenschmuck dazu, bevor sämtliche Gespanne am Sonntagmorgen mit Traktoren zum Westernberg gebracht werden, wo sie auf die Pferde verteilt, und der Zug aufgestellt wird. Insgesamt sind es heuer rund ein Dutzend Wagen, die den Ritt begleiten: die Kirchenmotive, zwei Musik-Wagen, Fuhrwerke der Trachten- und Schützenvereine und die Ehrenkutschen.

Seit 2016 liegt die Verantwortung des Georgiritts beim aktuellen Vereinsvorstand Hans Thullner, auch sein Vater hatte das Amt bereits inne. „Beim Herrichten war ich schon als kleine Junge dabei, so wie heute meine beiden Enkelinnen. Auch meine Tochter und mein Schwiegersohn packen mit an“, erzählt er. Hinter der Veranstaltung steckt ein enormer logistischer Aufwand. Schon Anfang Juli beginnen die Vorbereitungen, Hans führt eine lange Liste mit Aufgaben, die Punkt für Punkt verteilt werden müssen. Polizei und Feuerwehr sind eingebunden, Straßensperren beantragt. An den Vortagen wird geschmückt und dafür gesorgt, dass die Wagen bis Sonntag im Trockenen stehen können, denn bei Regen wären die wochenlangen Arbeiten schnell zunichte. Zum Helferstamm gehört fest auch Ehrenvorstand Georg Hasslberger, ebenfalls einst Vereinsvorstand. Warum alle so engagiert sind? „Es ist eine besondere Veranstaltung, ein 400 Jahre altes Brauchtum. Mitreiten darf bei uns grundsätzlich jeder, der ein Pferd hat. Wichtig ist nur die passende Kleidung, idealerweise Tracht oder zumindest festliche Garderobe“, erklärt Georg. „Es kam durchaus schon vor, dass wir Reiter abgewiesen haben, weil sie Jeanshosen mit Löchern trugen“.

Wenn sich am Sonntag der Festzug in Bewegung setzt, wird ihn Hans Thullner anführen. Seit jeher ist es Aufgabe des Vorstands, an der Spitze zu reiten. Thullner vertraut dabei auf seinen Fuchs Nena, ebenfalls eine süddeutsche Kaltblutstute. Seit fast einem Vierteljahrhundert gehört sie zur Familie, ruhig und verlässlich trägt sie ihn sicher durch den Ort. 

Besucher beim Georgiritt

Entlang der Straße stehen rund 3.000 Menschen, die den Ritt verfolgen.

Der führt vom Ortszentrum zur Kirche St. Valentin in Zell. Der Ruhpoldinger Pfarrer reitet selbst mit, statt in einer Kutsche Platz zu nehmen, wie es andernorts üblich ist. Nach der Messe spendet er Mensch und Tier den Segen.  

Später am Tag und wohlbehalten zurück am Hof, fällt bei allen die Anspannung ab. Während die Zuschauer des berittenen Festzugs noch das umfangreiche Programm auf dem Georgitag genießen, bekommen die Pferde Schweif und Mähne aus- gekämmt und das Lederzeug wird in der Sattelkammer verstaut. Dann geht es für Nena, Vicky, Struppi und die anderen Vierbeiner wieder hinaus auf die Weide. Dort dürfen sie sich nach Herzenslust wälzen und Grasflecken holen. Ihre Pflicht ist erfüllt, bis zum nächsten Jahr.

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