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Sieger trägt die Fahne seiner Nationalität

Vom Luftballon zum Hexenkessel

Datum: 07.02.2026
Von: Kathrin Thoma

Herbert Ohl kennt den Biathlon in Ruhpolding wie kaum ein anderer. Der 1932 geborene Ruhpoldinger war Skiclub-Vorsitzender, 18 Jahre Bürgermeister und als Präsident des Organisationskomitees an zahlreichen Weltcups und drei Weltmeisterschaften beteiligt. Einer seiner lebhaftesten Rückblicke führt ins Jahr 1971, zu den Bayerischen Meisterschaften, als Biathlon im Ort noch von Improvisation geprägt war und der Wettkampf buchstäblich auf einer Wiese stattfand. Start und Ziel lagen zwischen Johannisbrücke und dem neu eröffneten Wellenhallenbad, die Loipe führte Richtung Fuchsau am Fuße des Unternbergs. Geschossen wurde mit schwerem Großkaliber auf provisorische Zielwände, manchmal dienten sogar Luftballons als Trefferanzeige: platzte der Ballon, färbte sich die Fläche schwarz. Erst Ende der 1970er-Jahre hielten um- klappende Metallscheiben Einzug, seither wird im Biathlon auf 50 Meter gezielt.

„Wir waren eine große Gruppe von Ehrenamtlichen, die über Jahrzehnte hinweg unterschiedlichste Aufgaben übernommen hat“, erinnert sich Ohl. „Anton Plenk war Starter, Helmut Müller leitete den Schießstand und ich selbst stand oft als Ansager am Mikrofon. Dazu gehörten noch Herbert und Erika Fritzenwenger, Brigitte Bentele, Prof. Dr. Rupert Ketterl und viele weitere engagierte Helfer, die sich um Verpflegung, Wettkampfbüro, medizinische Betreuung und vieles andere kümmerten. Selbst die Lautsprecheranlage stammte aus Privatbesitz. Mit einfachsten Mitteln haben wir alles gemeinsam auf die Beine gestellt.“ Die Zuschauer standen damals so dicht an der Loipe, dass man den Athleten fast auf die Schulter hätte klopfen können. Nur Fernsehkameras blieben aus. Biathlon galt damals noch als militärisch geprägte Sportart und war politisch nicht unumstritten.

Die Erfolge dieser ersten Wettkämpfe blieben nicht ohne Wirkung: Immer mehr Athleten reisten an, Zuschauerzahlen stiegen, und der Anspruch wuchs. Bald war klar, dass eine Wiese 
mit Zielwand den Anforderungen dieser aufstrebenden Sport- art nicht mehr gerecht werden konnte. Die Suche nach einer dauerhaften Lösung führte den Gemeinderat schließlich zum Zirmberg. Die Lage bot ideale Bedingungen für Streckenführung, Infrastruktur und eine moderne Schießanlage. 1976/77 rückten die Bagger an.

Es war Ohls erste WM als Bürgermeister, 1985 folgte die zweite, zu der an drei Wettkampftagen Zehntausende ins  Stadion strömten. "Schon zuvor, bei den Olympischen Spielen 1984 in Sarajevo sorgten Peter Angerer, Fritz Fischer, Herbert Fritzenwenger und Walter Pichler für eine echte Sensation: Bronze in der 4×7,5-Kilometer-Staffel hinter der Sowjetunion und der DDR. Als Peter Angerer dann auch noch im Einzellauf Olympiasieger wurde, sprang der Funke endgültig über", erinnert sich der 93-Jährige. Für die dritten und vierten Titelkämpfe erhielt die Arena dann ein umfassendes Facelift: 30 Schießbahnen, elektronische Ziele, neue  Tribünen. Ruhpolding war endgültig in der Weltspitze angekommen. 

Biathlon Massenstart
Arena mit Zuschauern

»1978 erhielt Ruhpolding den Status eines bayerischen Biathlon-Leistungszentrums. Nur ein Jahr später kam der internationale Durchbruch: die Weltmeisterschaft.«

Parallel dazu veränderte sich auch der Sport selbst. In den Anfangsjahren dominierten die klassischen Einzelläufe: 20 Kilometer bei den Männern, 15 Kilometer bei den Frauen, die erst 1984 ihre eigene WM austrugen. Sprint, Verfolgung und Massenstart kamen später hinzu und machten die Wettkämpfe für Zuschauer noch spannender. Auch die Einführung der Kleinkaliberwaffen brachte einen Wendepunkt. „Zuvor war das Material schwer wie Blei“, sagt Ohl. Jede Neuerung erhöhte zwar die Attraktivität des Sports, stellte zugleich aber auch mehr Anforderungen an die Organisatoren.

Heute, mehr als fünf Jahrzehnte nach den improvisierten Anfängen, trägt ein Mann die wirtschaftliche Gesamtverantwortung für die Chiemgau Arena GmbH, der aus einer Region ohne jede Wintersporttradition kommt. Timo Gerhold, stammt aus Nordhessen, genauer aus Felsberg, etwas südlich von Kassel gelegen. "Offenbar wollte der Aufsichtsrat die Herausforderungen des Sports aus einer neuen Perspektive betrachten.“, sagt er rückblickend.

Statt auf Ski stand Timo früher am Spielfeldrand, in Sport- und  Schwimmhallen. In seiner vorherigen Tätigkeit leitete er Nordhessens größten Sportverein, der einst sogar in der 2. Bundesliga Fußball spielte. Seit 2022 ist er Geschäftsführer der Chiemgau Arena und Chef des Organisationskomitees für den Biathlon Weltcup. In dieser Doppelrolle koordiniert er nicht nur gemeinsam mit dem restlichen OK den alljährlichen Weltcup, sondern steuert das gesamte Budget, stimmt sich mit Gemeinde, Skiclub, Sponsoren und internationalen Verbänden ab. Zudem sorgt er mit seinem Team dafür, dass das Stadion auch abseits der Wettkämpfe eine hohe Attraktivität auf Sport, Tourismus und vielseitige Events ausstrahlt. „Der Weltcup ist ein riesiger logistischer Kraftakt und er hört nie auf. Kaum ist ein Event vorbei, planen wir schon das nächste.“ 

Biathlon Weltcup in Ruhpolding
© © Ruhpolding Tourismus/Andreas Plenk

„Der Ort ist die Herzkammer des Biathlons, das spüre ich jeden Tag.“

Dass Ruhpolding im internationalen Vergleich herausragt, führt Gerhold vor allem auf einen Faktor zurück, der schon in den 1970er-Jahren entscheidend war: die ehrenamtliche Basis. „Heuer waren wieder über 800 Freiwillige im Einsatz“, erzählt er. „Viele kommen aus dem Skiclub, andere aus  Feuerwehren oder Vereinen der Region. Manche reisen sogar aus Norddeutschland an, zahlen ihre Unterkunft selbst, einfach, weil sie Ruhpolding lieben und helfen wollen."  Dem kann Herbert Ohl nur zustimmen. Für ihn war es in den Pionierjahren nicht anders, nur, dass damals noch vieles provisorisch gelöst werden musste. „Wir haben manchmal bis zuletzt nicht gewusst, ob alles klappt“, erinnert er sich. „Aber wenn es funktioniert hat, war das ein unbeschreibliches Gefühl.“ Für Timo steckt genau darin der Schlüssel - aus der Begeisterung von damals den Antrieb für morgen schöpfen.

Die Zusage der International Biathlon Union, den Weltcup bis mindestens 2030 in Ruhpolding auszutragen, ist für ihn mehr als ein Erfolg, es ist ein Versprechen, dass der Ort auch in den kommenden Jahren eine feste Größe im internationalen Biathlon-Kalender bleibt. Und wenn dann im Winter wieder tau- sende Zuschauer ins Stadion strömen, kehrt jener Moment zurück, der den Sport hier seit Jahrzehnten prägt: konzentrierte Stille, ein letzter Schuss und dann frenetischer Jubel, der weit ins Tal trägt.

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