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Frau schaut zum Sonnenaufgang

Dem Morgen entgegen

Datum: 06.02.2026
Von: Kathrin Thoma

Noch ist es stockdunkel am Wanderparkplatz. Autotüren klappen, Rucksäcke werden geschultert. Stirnlampen werfen helle Kegel in die Nacht, reihen sich wie eine kleine Lichterkette, während die Gruppe gemächlich in den Wald zieht. Der feuchte Boden riecht nach Harz und Moos, das Klicken der Wanderstöcke gibt den Takt vor. Es ist kurz nach zwei Uhr morgens.

Anfangs wird noch viel geredet, doch je steiler der Weg, desto stiller wird es. Das Gehen wirkt meditativ. Über den Baumwipfeln spannt sich ein weiter Sternenhimmel, die Milchstraße leuchtet klar.

Wanderführer Joachim Ries weiß, dass die Tour mehr ist,  als nur ein Morgenspaziergang: „Das ist körperlich und  mental schon etwas Außergewöhnliches.“ Genügend Pausen, Energieriegel und ein wachsames Auge auf die Gruppe  gehören deshalb für ihn dazu. “Den Kienberg bei Nacht muss man sich zwar erkämpfen, aber genau das macht das Gipfelerlebnis so einzigartig und unbezahlbar”, sagt er.

Mitten in der Nacht aufbrechen, stundenlang im Schein der Stirnlampen durch den Wald wandern um dann oben auf dem Gipfel zu stehen, wenn die Sonne den Himmel in ein Farbenspektakel verwandelt: Die Sonnenaufgangstour auf den Kienberg ist nichts für Langschläfer, belohnt aber mit unvergesslichen Momenten

Der in Ruhpolding auch „Streicher“ genannte Gipfel ist der östliche Ausläufer des Rauschbergmassivs. Früher wurde hier Blei und Zink abgebaut, heute ist er ein ruhiges Wanderziel. Wer es geschichtsträchtig mag, kann auch den historischen „Knappensteig“ nutzen, für die Sonnenaufgangstour aber ist der breite Forstweg die sicherere Wahl. 

Bald wird der Wald lichter, Kühe liegen verschlafen auf den Almwiesen. „Bitte Abstand halten, besonders bei Kälbern“, mahnt Joachim. Das letzte Stück des Aufstiegs ist kaum markiert, gutes Schuhwerk zahlt sich spätestens hier aus.

Dann taucht im schwachen Morgenlicht das Gipfelkreuz auf. Auf knapp 1.600 Meter über dem Meer ist es deutlich kälter – Jacken, Handschuhe und Mützen werden ausgepackt.

Die Gruppe wartet gespannt, bis der Himmel im Osten orange, dann rot erstrahlt. Nur das Klicken der Kameras und Handys ist zu hören. Langsam schiebt sich die Sonne über die Berglinie, Strahlen brechen durch dünne Wolken. Für Minuten scheint das Hochstaufenmassiv zu brennen. Niemand spricht.

Sonnenaufgangstour Gipfelkreuz

„Man kann sich vorher nicht vorstellen, wie schön dieser Moment ist. Ich gehe seit meiner Kindheit in die Berge – das gehört einfach zu meinem Leben. Und es macht mir Freude, diese Begeisterung weiterzugeben“, erzählt Joachim lächelnd. Seit 16 Jahren lebt er in Ruhpolding, kennt unzählige Pfade und versteckte Ecken. Neben Bergwald- und Themenwanderungen liegt ihm der frühe Aufbruch zur Sonnenaufgangstour besonders am Herzen. „Ich bin ein Morgenmensch – ein Sonnenaufgang steht für Aufbruch, Tatkraft und einen erfüllten Start in den neuen Tag." 

Mit den ersten Sonnenstrahlen entfaltet sich das Panorama in voller Schönheit: Im Osten schimmert Salzburg im zarten Morgendunst, dahinter zeichnen sich die Konturen des Tennengebirges ab. Im Süden leuchten die Loferer und Leoganger Steinberge, während im Westen die schroffen Zacken des Kaisergebirges in den Himmel ragen. Beim Abstieg können viele kaum glauben, dass sie den Berg in der Nacht bezwungen haben. Unten am Parkplatz denken manche schon an ein ausgedehntes Frühstück, andere an einen langen Mittagsschlaf. Verdient hätten sie beides.

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